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Jette Jordbaer

von Jette Jordbaer, veröffentlicht: Sonntag, 15. März 2026, 13:20 Uhr


  1. Auf der Walz
  2. Bewundernswert
  3. Die Fleppe
  4. Rituale
  5. Verabschiedung
  6. Die Bannmeile
  7. Die Zunfttracht
  8. Die Sprache der Walz
  9. Die große Freiheit
  10. Fazit
  11. Filme
  12. Meine Bücher

Auf der Walz

Ich habe mal wieder ein Buch gelesen. Dieses Mal ein 245-Seiten "starkes" Sachbuch, genauer gesagt war es eine Biographie von Theresa Amrehn, die im Piper-Verlag erschienen ist und den Titel Königin der Landstraße - Meine Jahre auf der Walz trägt.

Ja, und worum geht es da? Die Walz - auch Tippelei genannt - ist eine Wanderschaft, auf die man als Handwerks-Geselle nach seiner Ausbildung geht, um weiter Erfahrung zu sammeln, um sich als Mensch persönlich weiterzuentwickeln und zu wachsen, aber auch um neue, interessante, berufliche Erfahrungen in anderen Betrieben zu sammeln, in denen man auf der Wanderschaft arbeitet und seinen Lebensunterhalt verdient.

Wenn man sich für eine solche Wanderschaft nach der Ausbildung entscheidet - denn Pflicht ist diese nicht sondern eine freie Entscheidung - dann geht man für mindestens drei Jahre und einen Tag fort.

Bedingung für die Tippelei ist, dass man Single und unter 30 Jahre alt ist, keine Verpflichtungen gegenüber einem (Ehe-)Partner und Kindern hat, keine Vorstrafen und keine Schulden gemacht hat. Man soll ein ehrbarer, rechtschaffener Wandergeselle sein und sich auf der gesamten Wanderschaft auch so verhalten.

Bewundernswert

Es gehört eine Menge Mut dazu, seine Heimatstadt den Rücken zu kehren und einfach so loszumarschieren. Und das ganz ohne Geld, Handy und Dach über dem Kopf. Reisen soll man zu Fuß oder eben per Anhalter. Mit nichts als einem Wanderbuch (Fleppe genannt), der Zunftkleidung, die einem extra von einem darauf spezialisierten Schneider auf den Leib geschneidert wird, dem Deckel (Hut) auf dem Kopf, einem individuell-passenden Stenz, dem Wanderstock, der von dem Wandergesellen selbst ausgesucht (d.h. in der Natur und Umgebung gefunden) und meist selbst zurechtgeschnitzt wird und dem bisschen Hab und Gut, dass man in 80 x 80 cm großen, zusammengebundenen Tüchern, den sogenannten "Charlies" (Charlottenburgern) an Kraxen über der Schulter trägt.

Die Fleppe

Der Begriff Fleppe und viele andere Begriffe der Walz stammen übrigens aus dem Rotwelsch.

Die Fleppe ist ein Dokument (ein Ausweis / Pass), das den Wandergesellen als Wandergesellen ausweist. In dem Buch steht drin, dass man Wandergeselle ist und das gleich in mehreren Sprachen wie Englisch, Französisch, Spanisch etc., denn die Gesellen können auf ihrer Wanderschaft die ganze Welt bereisen.

Das Interessante ist, dass der Wandergeselle selbst nichts in die Fleppe hineinschreibt oder hinzufügt. Das wird von anderen erledigt.

In der Fleppe werden Tampen (d.h. Stempel aus den Rathäusern und Kirchen der jeweiligen Städte) gesammelt, Arbeitszeugnisse der jeweiligen Arbeitgeber hineingeschrieben, Fotos eingeklebt, Zeichnungen angefertigt oder Eintragungen von Freunden, Kameroten und anderen Bekanntschaften vorgenommen. Am Ende hat man ein Zeugnis von allem, was man als Wandergeselle erlebt hat, aber von fremder Hand festgehalten.

Zusätzlich kann ein Wandergeselle natürlich auch selbst ein Wander- oder Reisetagebuch führen, aber wie gesagt hat das nichts mit der Fleppe zu tun.

Rituale

Was mich sehr beeindruckt und fasziniert hat, sind die ganzen Rituale, die vor der Wanderschaft stattfinden, um den Gesellen sozusagen zu initiieren und auf die Wanderschaft einzustimmen.

Und dass man am Anfang von einem gestandenen Gesellen begleitet wird. D.h. man macht nicht alles alleine, sondern man muss sich zuvor selbst einen Altgesellen suchen, der einen "losbringt", also auf Wanderschaft bringt und einen sozusagen an die Hand nimmt und einführt, auch, damit man sich auf der Wanderschaft angemessen verhält und seinen Spruch (den "Schnack", der streng geheim ist) aufsagen kann (den man von dem Altgesellen lernt), um eine kostenlose Unterkunft oder kostenlos Essen zu erhalten.

Verabschiedung

Bevor man auf Wanderschaft geht, gibt es eine riesige Verabschiedungsfeier (die auch mit bestimmten Ritualen verbunden ist) und auf der man der ganzen Familie und allen Freunden und Bekannten für eine gewisse Zeit Lebewohl sagt.

Am Tag des Abschieds und der Wanderung muss man am Ortausgangsschild eine volle Kornflasche und eine zweite, leer-getrunkene Flasche vergraben, in die Zettelchen mit guten Wünschen von allen hineingegeben werden, die beide nach drei Jahren und einem Tag dann wieder ausgebuddelt werden, wenn man nach Hause zurückkehrt.

Außerdem muss man - mit Hilfe seiner Familie und den Freunden und Bekannten - über das Ortsschild klettern (also, d.h. man sitzt auf dem Ortsschild oben drauf) und wird dann von den Gesellen, die einen auf der Wanderschaft am Anfang bis zur Bannmeile begleiten, aufgefangen, denn man muss sich vom Ortschild rückwärts in deren Arme fallen lassen (sozusagen in die Arme der neuen Familie, die einen auffängt).

Sobald man das Ortsschild überklettert hat (was eine Schwelle darstellt) und bei den Gesellen angekommen ist, darf man sich nicht mehr umdrehen. Man muss seinem alten Leben und der Familie und den Freunden den Rücken kehren und darf nur noch vorwärts und in das neue Leben schauen, das nun vor einem liegt. Darum wird der Abschied von der Familie und den Freunden auch zuvor gebührend gefeiert und auch hinreichend vollzogen.

Ernsthaftigkeit

Ich glaube, dass mich diese Initiation sehr fasziniert hat, da man durch die ganzen Rituale klar gemacht bekommt, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt beginnt und dass es wichtig und bedeutsam ist, was man da tut und dass man eine Entscheidung getroffen hat, die nun nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, sobald man diese Rituale vollzogen hat. Sie machen einem auch klar, dass man das, wofür man sich entschieden hat, auch wirklich will, weil sie mit Mühe, mit einer großen Kraftanstrenung und Willenskraft verbunden sind.

Initiatorische Merkmale

Auch das Äußere verändert sich, bevor man mit der Wanderschaft beginnt. Man erhält für die Wanderschaft eine offizielle Uniform, die einen sofort als Wandergeselle ausweist und für jedermann klar erkennbar macht und abhebt.

Diese Kluft ist "steif" und einem perfekt von einem Schneider auf den Leib geschneidert worden, so dass man gleich eine ganz andere (stolze) Haltung einnimmt.

Genagelt

Desweiteren wird man "genagelt". Das bedeutet, dass man seinen Kopf auf den Tisch legen muss und von dem Altgesellen einen Nagel durch das linke Ohrläppchen gehauen bekommt. Man wird sozusagen am Tisch ("auf etwas") festgenagelt, indem man schwören muss, dem Stand Ehre zu erweisen und sich auf seiner Wanderschaft vorbildlich zu benehmen. Danach wird man gelöst und ein Ohrring durch das Ohrloch gezogen.

In früheren Zeiten hatte der Ohrring übrigens auch noch eine andere, gut begründete Bedeutung: er musste wertvoll sein, so dass man mit ihm die Beerdigung bezahlen konnte, falls der Wandergeselle unerwartet auf seiner Wanderschaft verstarb.

Die Bannmeile

Die Gesellen, die einen an den ersten Tagen der Wanderschaft begleiten, reisen mit dem Initianten bis zur Bannmeile, wo sie sich verabschieden und alleine weiterreisen. Begleitet wird der neue Wandergeselle dann nur noch von dem Altgesellen, der sich - sobald er den Schnack und alles andere beigebracht und alle zu erledigenden Aufgaben aufgegeben hat - dann auch verabschiedet.

Die Bannmeile besteht übrigens aus einem Umkreis von 50 Kilometern um die Heimatstadt herum. In den drei Jahren und dem einen Tag darf der Wandergeselle sich diesem Bannkreis auf seiner Wanderschaft nicht nähern, d.h. er darf in diesem Umkreis weder wandern noch arbeiten.

Der Geselle soll sich somit auf sich selbst verlassen, sich einer neuen Welt öffnen und ohne Hilfe von seiner Familie, Freunden und Bekannten lernen sich in einer neuen Welt zurecht zu finden und zurechtzukommen und sich zu beweisen und zu vertrauen, dass er (in der Not) und mit seinen Fähigkeiten auch Hilfe von Fremden bekommt.

Die Zunfttracht

Wenn man noch einmal zur traditionellen Wanderkluft zurückkehrt, so hatte ich eigentlich bildlich immer schwarzgekleidete Männer vor Augen.

Es geht aber auch anders wie Theresa Amrehn - eine Kirchenmalerin - zeigt, die "frei" reiste und in keinem der existierenden Schächte organisiert war. Sie reiste in weinrotem Jackett mit ebensolch farbiger Weste und weißer Cordhose. Die Farben hängen somit von dem Beruf ab, den man ausübt.

Die Knöpfe

Und was bedeuten nun eigentlich die ganzen Knöpfe an Jackett und Weste? Ja, die haben eine Bedeutung. Am Jackett sind 8 Knöpfe befestigt für 8 Stunden Arbeit am Tag. 6 Knöpfe an der Weste stehen für 6 Tage Arbeit. Und dann gibt es noch an beiden Jackettärmeln je 3 Knöpfe: Die stehen für 3 Lehrjahre und 3 Wanderjahre.

Die Sprache der Walz

Sobald man auf die Walz geht und Bekanntschaft mit seiner großen Liebe Mathilda (der Straße, auf der man reist) macht, wird auch ganz speziell "geschnackt". Da wird nicht nur geschallert sondern auch schaniegelt.

Schaniegeln tut man natürlich beim Krauter, seinem neuen Arbeitgeber, der einem Kost (Kraut = Essen mit Kohl) und Logis anbietet. Auf den Partys sollte man ordentlich schmoren können. Und wenn man "eine Platte reißen" und somit für eine Unterkunft am Abend vorsprechen will, so sagt man: "Ich muss mich schmal machen".

Die große Freiheit

Die große Liebe "Mathilda" irgendwann wieder zu verlassen, ist keine Leichtigkeit wie auch Theresa Amrehn in ihrem Buch erzählt. Sie beschreibt sehr anschaulich, wie schwierig es nach über drei Jahren Wanderschaft ist, wieder mit dem Wandern aufzuhören und seine Freiheit aufzugeben und wieder - wie alle anderen - sesshaft zu werden, wenn man einmal mit der Tippelei angefangen hat.

Wahrscheinlich hätte sie nicht aufgehört und wäre noch weiter durch die Welt "getingelt", wenn ihre Schwester nicht geheiratet hätte und sie so "gezwungen" war, nach Hause zurückzukehren und die Bannmeile zu betreten und die Wanderschaft zu beenden und wieder einheimisch zu werden. Das fiel ihr sehr, sehr schwer.

Auch wurde in ihrem Buch klar, wie freudvoll aber auch schmerzhaft die Rückkehr nach Hause sein kann, weil die Dinge nicht gleich geblieben sind, da man sich nach drei Jahren als Mensch verändert hat und auch die Familie sich verändert hat. Nichts bleibt ewig so, wie es ist. Alles ist dem Fluss der Veränderung unterworfen, an die man sich anpassen muss oder eben auch nicht und neue Entscheidungen treffen muss.

Fazit

Das Buch von Theresa Amrehn ist absolut lesenwert. Obwohl es ein Sachbuch und auch so geschrieben ist, war es ziemlich emotional, wie ich fand. Es ist ein Mischmasch aus persönlicher Biografie und einer (noch immer) gelebten und ausgeübten Tradition, denn es gibt allgemein hervorragende Einblicke in die Walz. Ich war sehr beeindruckt, nachdem ich das Buch gelesen hatte.

Und mit diesen Worten beende ich nun diesen kleinen ;) Blogpost, der dieses Mal länger ausgefallen ist, als ich es mir je hätte träumen lassen und wünsche dir nun einen guten Morgen, einen herrlichen Mittag oder Nachmittag, einen wunderschönen Abend oder eine entspannte Nacht, wann immer du diesen Blogpost gerade gelesen hast :)

Filme

Alle Filme sind auf Deutsch, auch wenn sie Englisch betitelt sind.

1. On the Road - Hamburg Stopover | The North Report | NDR

In diesem Film wird auch etwas zu den Knöpfen der Zunftkleidung gesagt (Minute 7:45)

2. Going on journey

3. Handwerker auf der Walz

4. Vincent erklärt die Walz

5. Auf der Walz: heute hier, morgen dort | die Nordstory | NDR


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Meine Bücher

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Jette Jordbaer

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